Sexualität in der Bibel

Beim Thema „Sexualität“ ist das ganz besonders der Fall. Es gibt kaum einen Bereich menschlichen Lebens, in dem wir so umfassend seelisch und körperlich bewegt und berührt sind, wie der Sexualität, und das betrifft nicht nur das erotische Erleben, sondern unser Dasein in unserer Geschlechtlichkeit. Sie ist eine Kraft in uns, schön, stark und seit je will man sie kontrollieren. Erotisches Erfahren ist in anderen sinnlichen Erlebnissen auch spürbar, ist aber als sexuelle Erfahrung besonders tief. Und gerade weil Sexualität uns so umfassend und ganz berührt, ist das Thema zwar schön, beglückend, kraftvoll, aber auch ganz besonders sensibel und verletzbar. Missbrauch, Macht und Ohnmacht liegen dem Glück oft ganz nahe. Das macht das Thema auch zutiefst gefährlich.
Wer heute meint, wir wären sexuell befreit, weil wir ja die „sexuelle Revolution“ hinter uns haben, lügt sich ein stückweit in die Tasche. Viel zu viele Zwänge, Gewalt, Ausbeutung, Erniedrigung und Pornographie zeigen etwas ganz Anderes. Die biblischen Texte spiegeln den Geschenkcharakter und Herausforderung dessen wider.
Sexualität und Erotik im Hohen Lied der Liebe
Altes und Neues Testament kennen diese Vielschichtigkeit der Sexualität. Es gibt Texte, die vor Erotik und Liebesglück triefen und kaum zu fassen sind, allen voran das Hohelied der Liebe und andere, die sich der Gefahr dieser Kraft bewusst sind und sie schützen durch Regelungen. Es gibt Texte, die sexuelle Gewalt auf unterschiedliche Art anprangern und jene, die mit Bildern von Beziehung und Sexualität das (Liebes)Verhältnis zwischen Gott und Volk oder zwischen Gott und dem einzelnen Menschen beschreiben.
Bereits Hld 1 ist ein verzückt lockender Liebesdialog zwischen Liebenden, eine der deutlichsten Bilder ist in Kap. 5,2-4 zu lesen. Das Hld erzählt von erotischer Liebe außerhalb der Ehe, was ansonsten biblisch unüblich ist. Prostitution war für unverheiratete, unverlobte Frauen und alle Männer erlaubt. Sexualität gehörte zunächst auch aus erbrechtlichen Gründen in die Ehe.
In Lk 7,36-50 wird von der Frau erzählt, die eine Sünderin war und vor Dankbarkeit und Glück über ihre Begegnung mit Jesus seine Füße mit ihren Tränen wäscht, mit ihren Haaren trocknet und mit kostbarem Öl salbt. Jesus lässt diese Intimität zu, genießt sie vielleicht. Als Petrus sich darüber aufregt, betont Jesus, wie stimmig und richtig die Frau gehandelt hat. Die spätere Auslegung macht die Frau zu Prostituierten oder Ehebrecherin, wovon nichts im Text steht, aber weibliche Sünde konnotiert(e??) man mit Sexualität. Diese erotische Geste der Zuneigung nimmt Jesus an und zugleich wird gezeigt, dass Sexualität und Spiritualität tief verwoben sind miteinander.
Sexuelle Enthaltsamkeit ist im AT kein Ideal, auch nicht bei sonstigen Askesegelübden (Num 6,1-21) und beinhaltet im NT auch den Aspekt, sich gängigen Rollen und – gerade auch für Frauen – Unterwerfungsnormen durch die Ehe zu entziehen (Apg 9,36f; 1 kor 7,4-34).
Sexualität verändert uns
Das Bewusstsein um die Kraft der Sexualität und um unsere dadurch bedingte Verletzbarkeit zeigt sich besonders deutlich in den UnReinheitsvorschriften. Samenerguss (Lev 15,13.16.18), Menstruation (Lev 15) oder Geburt (Lev 12) verändern uns, und zwar so, dass wir in unseren alltäglichen Begegnungen mit Menschen oder Gott (im Kult) gefährdet und „gefährlich“ sind. Diese Unreinheit hat aber nichts mit moralischen oder hygienischen Bewertungen zu tun: Es ist (anders als man es lange verstanden hat) nichts „Schmutziges“ dran. „Rein“ und „unrein“ sind missverständliche Übersetzungen zweier im Hebräischen ganz unterschiedlicher Worte. Außerdem sind gerade die sexuellen Ausflüsse von Gott gegeben und gesegnet im ursprünglichen Auftrag, dass wir uns vermehren sollen. Man will mit diesen Gesetzen sensibilisieren dafür, dass Sexualität etwas ist, das uns in den Bereich der Lebensweitergabe, von Leben und Tod stellt. Auch das ebenso notwendige Berühren von Toten ist verunreinigend. Der Bereich Leben und Tod ist Gottes Raum. Da kommen Menschen an ihre Grenzen und sollen sich das bewusst machen.
Unreinheit ist hier auf den Kult, auf die Begegnung mit Gott bezogen und wird erst spät moralisch verstanden. Auch die rein äußerlich betrachtete Verunreinigung, die Jesus anprangert (Mk 7,1-23), ist hier nicht gemeint, aber enthalten.
Homosexualität
Bezüglich dem Thema Homosexualität ist es besonders wichtig, sich das völlig andere kulturelle System, aus dem biblische Texte stammen, bewusst zu machen.
Das Verbot findet sich in Lev 18,22; 20,13 und hat zunächst einmal keine längere Beziehung zwischen zwei Männern im Blick, weibliche Homosexualität kommt nicht zur Sprache – nicht, weil es sie nicht gab, sondern weil sich hier männliche Perspektiven abbilden. Diese Gebote betreffen freie, erwachsene Männer, deren jeweilige Freiheit und Gleichheit gewahrt werden soll. Das Problem der Homosexualität im Alten Orient lag im Verständnis davon, dass zu einem geschlechtlichen Akt immer ein passiver und ein aktiver Mensch, eine/r oben, eine/r unten gehört, also immer etwas Hierarchisches beinhaltet. Das verletzt das Recht der beiden freien Männer. Auch hier kann man sagen, dass man sich der Gefahr bewusst war, dass sexuelle Handlungen erniedrigend sein und unfrei machen können. In Röm 1,26f werden männliche und weibliche Homosexualität im Blick, aber weil man Rollen vertauschte, die gesellschaftlich, nicht aber von Gott zugewiesen wurden.
Wenn biblische Texte Freude, Kraft und die gesellschaftlich-kulturelle Betrachtung und auch Erlebnisweise von Sexualität zeigen, wird deutlich, dass Offenbarung nicht eindeutig ist, sondern unser Wachsein und Offensein anspricht.
______________________________________________________________________________
Autorin: Prof. Dr. Ursula Rapp MA, Institut für Religionspädagogische Bildung / IRPB, Kirchliche Pädagogische Hochschule - Edith Stein, 5020 Salzburg
https://contactiketh.wixsite.com/iketh2018